Ceausescus Ende - und kein Ende in Sicht?

Heute vor 20 Jahren wurden der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu und seine Ehefrau Elena nach einem kurzen Scheinprozess standrechtlich erschossen. Mit der Hinrichtung brach eines der letzten stalinistischen Regimes zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa errichtet worden waren.

Zum spektakulären und mediatisierten Ende des ‘Giganten der Karpaten’, zu den Hintergründen des dem Sturz des Ceausescu-Regimes vorausgegangenen sogennanten ‘Volksaufstands’, zur Machtübernahme einer Gruppe um Ion llliescu, aus der zweiten Riege des Ceausescu-Kaders, und über die ‘demokratische’ Entwicklung Rumäniens seit jenen Tagen haben die einschlägigen Medien in den vergangenen Tagen und Wochen ausführliche Berichte und Analysen veröffentlicht.

Interessanterweisse aber stösst man im Internet nach einiger Recherche auf Berichte, Reportagen und Geschichten, die nicht nur die grossen Themen der politischen Ereignisse widerkauen, sondern auch Einblick gewähren in das Leiden, Leben und Überleben der Rumänen unter dem militanten Regime des Conducators und den vergangenen zwanzig Jahren angeblicher Demokratie, mit noch nicht aufgearbeiteter kommunistischer und diktatorischer Vergangenheit, einschliesslich der immer noch unter Verschluss gehaltenen Militärakten über den Sturz von Nicolae Ceausescu.

Ich habe eine Auswahl dieser Veröffentlichungen zusammengestellt, die für sich selber sprechen, mit links zur weiteren Lektüre. Darunter finden sich die oben zu sehende vierteilige Video-Serie über den ‘Gulag von Pitesti’, eine Interview-Dokumentation u.a. mit orthodoxen Mönchen, die den Gulag überlebten; weiter ein Dokumentarfilm über Gheorghe Zodian, ehemaliger Oberst für Staatssicherheit und stellvertretender Minister für Transport, der abserviert wurde, weil er es gewagt hatte, als Parteimitglied Ceausescu öffentlich zu kritisieren (siehe den Beitrag ‘Dissdent im eigenen Land‘), und zudem noch Geschichten, Romanauszüge, Interview-Artikel und Kommentare zu verschiedenen kürzlich veröffentlichten Zeitungsartikeln.

Friedrich Glorian

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welt.online, 11. November 2009
Die Rumänen verdrängen ihre Revolution von 1989

ceausescu_bm_bayern 74 Tage lang hat Teodor Maries den Hunger ausgehalten, dann gab er auf. Wochenlang saß er in seinem Adidas-Trainingsanzug auf einem Campingstuhl vor dem Präsidialamt in Bukarest und aß nichts. Um ihn herum waren Transparente aufgestellt, ‘Gerechtigkeit für uns Angehörige’ und ‘Umdenken’ stand darauf. Maries ist Chef des Verbandes ‘21. Dezember’, der Familien der Revolutionsopfer von 1989 vertritt… weiter zum Artikel

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FAZ, 21. Juni 2008
An der schönen blutigen Donau
Auszug aus den Roman ‘Der weisse König’ von György Dragomán

‘Donaukanal’ - ein Schreckenswort, das Deportation, Zwangsarbeit, Tod bedeutete, damals, im Rumänien der späten Ära Ceausescu. Donaukanal - das ist auch das unheimliche Wort, das dem elfjährigen Dszátá bleibt, wenn er an den Vater denkt. Eines Tages kamen Männer der Sekuritate und nahmen ihn mit auf eine Fahrt ohne Wiederkehr. Der Wissenschaftler hatte eine regimekritische Petition unterschrieben… weiter zum Artikel

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ND, 17. Dezember 2009
Ost-Entdeckung: Maisbrei explodiert doch
Textauszug

_46993091_008455903-1 Ab Nachmittag des 25. Dezember, flimmerte, für das ungläubige rumänische Volk ständig wiederholt, ein Video über den Bildschirm, aus dem nur die Exekutionsschüsse selbst rausgeschnitten waren: Verhaftung von Nicolae und Elena Ceausescus, der kurze Prozess sowie Zurschaustellung und Abtransport der Leichen.

Genau an diese Bilder anknüpfend, resümiert der Schriftsteller Mircea Cartarescu dieser Tage in der Tageszeitung ‘Evenimentul Zilei’: “All das wurde uns im Fernsehen gezeigt. Und obwohl alles offensichtlich, die Wirkung einfach und das Bühnenbild billig war, glaubten wir mit offenen Augen an diesen Traum. Aber die Revolution war eine Telenovela, unsere süßliche Illusion. Früher wurden wir belogen, jetzt werden wir belogen. Vorher waren wir arm, jetzt sind wir noch ärmer.”

Cartarescu hebt darauf ab, was viele Rumänen spätestens seit Anfang 1990 bewegt: die gefühlte Gewissheit, dass diese vermeintliche Revolution bestenfalls eine steckengebliebene ist. Wenn sie nicht überhaupt nur eine Palastrevolution der alten Führungsclique war, die die Demonstrationen als Mimikry benutzte und Ceaucescu nebst Frau beseitigte, um sich selbst vor dem Volkszorn der Straße zu retten… weiter zum Artikel

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die weltwoche, 14. April 2004
Wir schossen, als er sagte: “Die Geschichte wird mich rächen”

Drei Soldaten bildeten das Exekutionskommando, das am 25. Dezember 1989 Nicolae Ceausescu und seine Ehefrau Elena hinrichtete und damit die kommunistische Diktatur in Rumänien beendete. Das Protokoll eines Weihnachtstages… weiter zum Artikel

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bbc news, 25. Dezember 2009
Ceausescu execution ‘avoided mob lynching’
Interview mit ex-General Victor Stanculescu, verantwortlich für die Schüsse in Temesvar am 17/18. Dezember 1989

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As minister of defence on 25 December 1989, Stanculescu oversaw the trial and execution of Nicolae and Elena Ceausescu, the president and first lady of Romania, his own commander-in-chief… weiter zum Interview

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bbc news, 10. Dezember 2009
Securitate legacy 20 years after revolution

The Ceausescu regime has left a poisonous legacy in the vast archives of the secret police, the dreaded Securitate. What Ioana Voicu Arnautoiu has found here is an incredible story of defiance.
A concert violinist, she was born in a cave in the Carpathian mountains. Her parents were partisans, part of a small desperate band that resisted the communist takeover in the 1950s… weiter zum Artikel

links
The National Council for the Study of the Securitate Archives
Video Under surveillance by the Securitate ‘70 - ‘80

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der spiegel, 28. Dezember 1987
Zum Teufel wünschen
Frauen unter Ceausescu

Die Textilarbeiterin Rosalia Birolaru, 68 (Namen von der Redaktion geändert), aus Bukarest ist Mitte Dezember gestorben; an Lungenentzündung, wie es im amtlichen Totenschein heißt. Für ihre Tochter Edit, 43, steht eine andere Todesursache fest: “Meine Mutter starb an Erschöpfung, an Unterernährung und der Mühsal um das tägliche Brot. Kurz: Sie starb an unserem trostlosen Leben, das uns unsere Führung seit Jahren zumutet. Aber sie starb auch, weil den Ärzten ein Befehl Ceausescus wichtiger ist als eine alte Frau…” weiter zum Artikel

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nzz online, 29. November 2007
Die Zigeuner – ein rumänisches Problem
Ein Teufelskreis aus Elend und Delinquenz, Hass und Verachtung

Mann macht es sich sehr leicht, indem man die Schuld am schlechten Image Rumäniens in der Welt den Zigeunern zuschiebt. Und ewig darüber wehklagt, dass man im Ausland die Rumänen (alles ehrenwerte Bürger, friedlich, fleissig, mit allen Tugenden der Vorväter gesegnet) nicht zu unterscheiden weiss von den Zigeunern, diesem ‘Ersatzvolk’, wie unsere dummen und rassistischen Witze finden. Tatsächlich verdankt sich das Zigeunerproblem in Rumänien der rumänischen Politik ihnen gegenüber und nicht der ‘Minderwertigkeit ihrer Rasse’… weiter zum Artikel

Von Mircea Cartarescu

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FAZ, 03. November 2009
Das Regime hat mir meine Jugend gestohlen
im Gespräch: Mircea Cartarescu

cartarescu …Es klingt paradox, aber vor der sogenannten Revolution standen den Schriftstellern nicht nur mehr Themen als heute zur Verfügung, etwa der Widerstand gegenüber der Diktatur, sie hatten davon abgesehen auch mehr Zeit. Das System war schrecklich, aber es hatte eine Stabilität, und man wusste, was einen am nächsten Tag erwartete. Heute ist es beinahe unmöglich, den nächsten Tag vorherzusehen… weiter zum Artikel

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Kommentare zu verschiedenen Zeitungsartikeln

11.11.2009 Martin Unterberg sagt:
Ich besuche Rumänien privat regelmässig seit 20 Jahren, verstehe die Sprache mittlerweile gut, und verfolge die „Fortschritte“. Diese bestehen im kommerziellen Bereich, man kann alles kaufen wenn man Geld hat (Metro etc.) und mit allen Waren handeln.

Politisch ist es nur der Form nach eine Demokratie („Volksherrschaft“), eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, alle Leute auf Positionen inkl. der Legislative nutzen massiv Vorteile für sich zu lasten des Gemeinwesens, Gelder verschwinden, das Volk weiss es, kämpft aber selbst ums Überleben, die Lehrer und Pensionisten aktuell daß sie überhaupt ihren bescheidenen Lohn/ihre mikrige Pension rechtzeitig und in versprochener Höhe bekommen. Trotz grosser Unterstützung aus der EG/EU in den letzten 20 Jahren liegt die Infrastruktur immer noch am Boden (Autobahnen praktisch Fehlanzeige, die meisten Straßen erinnern an die dritte Welt). Niemand weiß was die „da oben“ mit dem Geld machen.

Aufarbeitung der Vergangenheit? Davon will niemand etwas wissen, möglichst eher verhindern, jeder kennt schließlich einen der mitgemacht hat in der Diktatur oder war irgendwie selbst dabei. Trotzdem insgesamt ein sehr symphatisches Volk, ich mag die Rumänen. Der Staatsapparat und die Funktionäre selbst aber gehören mit dem eisernen Besen sowas von aufgeräumt daß “nur noch Bläschen künden wo sie einst gestanden”.

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23.12.2009, Frh. v. Zitzewitz sagt:
Ich war vorher schon dabei. Und ich kann sagen, dass der Ceausecu-Terror von einer kleinen Gruppe höchstrangiger Paladine des Diktators beendet wurde. Die haben sich regelmässig getroffen und strategisch alles vorbereitet. Sicher unter Lebensgefahr, aber die gefürchtete Securitate war (durch ihre wichtigsten Führer vertreten) selbst von Anfang an dabei. Die standen damals mit dem Rücken zur Wand, wussten, dass Rumänien unter dem Ceausecu-Clan keine Chance mehr hatte noch lange zu überleben und hatten alle nur Angst um den eigenen A. . . . . .

Es war daher keine “Revolution des Volkes” in Rumänien, das war eine kontrollierte Palastrevolution, eine Art Putsch führender Repräsentanten des Regimes. Geopfert wurden ein paar Unbedarfte (die die versteckten Angebote der Verschwörer nicht erkannten) und eine Menge “Bauern”, mehr oder weniger zufällig.

Das Volks durfte etwas “Dampf ablassen” und war glücklich, die Hinrichtung der idiotischen Ceausecus im TV zu sehen. Die “Verschwörer” haben den Laden übernommen und ihre Unterstützer aus dem Ceausecu-Kader, die danach nicht mehr offen auftreten konnten, finanziell versorgt. Ein paar Aufmüpfige, die mehr wollten, wurden still beseitigt. Alles blieb ruhig und nun ist Rumänien in der EU. Perfekt. Viva Romania!

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